Rita Lazzaro


Die Natur offenbart sich nackt,
ihr Fleisch missbraucht durch etliche unüberlegte Verstöße.
Zu diesem geschundenen Körper gehören auch wir;
und doch sehen wir es nicht: so bleiben wir dabei uns selbst auszulöschen.
Rita Lazzaro nimmt die wiederhallenden Echo der Hilfe auf,
die aus jedem Winkel kommen und wirft mit ihren Artefakten einen laut
mahnenden Aufschrei zu uns zurück,
auf das diese harmonische Schönheit des Universums sorgsam behütet werde.
Tatsächlich sind ihre Werke nicht passive Objekte, vielmehr aktive, quasi Subjekte,
die hinterfragen und zum Nachdenken anregen.
Es gibt einen Zauber, der diese wertgeschöpften "Kreaturen" beseelt, geschaffen
mit engelsgleicher Hingabe und echtem Feingefühl.
Rita umsorgt Erde und Menschheit und bewahrt, indem sie die Samen verstreut,
aus denen nutzwertige und blühende Hoffnung sprießen möge.
(Vorwort des Dichters)


Angelo Scandurra .

WIR Soziales Kunstprojekt, konzipiert und realisiert von der
italienischen Künstlerin Rita Lazzaro unter Beteiligung der Moerser
Bürger. Die Durchführung des Projekts wurde vom Kulturbüro
MKW_NRW unterstützt.

Verschiedene Künstler*Innen haben die Technik des Patchworks
genutzt, um ihre eigenen Werke, durch das Zusammenfügen von
Stoffresten, zu schaffen.
Eine Methode, angewendet für die ältesten Friedensfahnen, sowie
auch für die Werke vieler chilenischer Frauen in der Zeit der
Diktatur.
Nähen, um der Welt den Willen zu Frieden und Gerechtigkeit
auszudrücken und zum Wiedererlangen des Sinnes für das "nicht
wegwerfen, denn alles kann wieder nützlich werden”.
Die Fähigkeiten der Frauen, gebunden an Nadel und Faden, gaben
Mythen und Legenden ihren Ursprung...Ariadnes Faden, das
Totentuch der Penelope, die Parzen... es ist der Faden der
Erinnerungen, es ist der Reichtum der Kenntnisse der Frauen,
dessen Erinnerungen wir bewahren. Der Faden ist Lebenszeit.
Die Nadel ist ein Element, welches ermöglicht mittels den Faden,
etwas wieder zusammenzuführen, etwas wieder
zusammenzunähen, etwas wieder zu reparieren, was getrennt
wurde, wenn präzise, geduldige und wertvolle Arbeit gebracht wird.
Zu vielen Anlässen haben Frauen Stoffstücke genäht oder bestickt,
um affektive oder politische Beziehungen zu repräsentieren.
Das reicht von den Decken aus einzelnen Stoffstücken
zusammengesetzt und bestickt mit den Namen der an AIDS
verstorbenen, über die bestickten Tücher gegen Gewalt an Frauen
in der Region Chihuahua in Mexiko bis hin zu den Kopftüchern, die
getragen wurden, in den Protesten und den Kirchen der "Madres de
Plaza de Mayo" (Mütter des Platzes der Mairevolution).
Heutzutage sind Textil Art, Fiber Art, Knitting Art weitverbreitete
Begriffe in der Zeitgenössischen Kunst, zumal die weiblichen
Künste im Nähen, Sticken und Stricken und Häkeln zu üblichen
künstlerischen Praktiken geworden sind für viele Künstlerinnen.

An diesen Faden knüpft die Arbeit von Rita Lazzaro an. Die
Künstlerin, die in der deutschen Stadt Moers lebt, hat im Mai dieses
Jahres ein Projekt weitragender Bedeutung begonnen.
Sie hat, unterstützt vom städtischen Kulturbüro und über Soziale
Netzwerke, jeden Bürger der Stadt Moers um ein quadratisches
Stück Stoff aus alter Kleidung, der Kantenlänge 15cm, gebeten.
Aus diesen bis zu 105.000 Quadraten wird Rita Lazzaro eine
Patchwork-Installation verwirklichen, welche aus einem Kubus von
210 cm eine Seite besteht samt Läufern von 2x5 Metern.
Das Quadrat ist eines der ältesten Symbole, welches ich als die
Mutter betrachte.
Der Würfel (in der Originalfassung cubo) ist, geometrisch
betrachtet, die Seite des Quadrates hoch drei, und daher betrachte
ich ihn als "Mutter-hoch-drei" (im Original 'madre al cubo’).
Ich stelle mir gerne vor, dass in dem Würfel die Gefühle der
politischen wie affektiven Beziehungen wiederzufinden sind-wie
Mutter und Tochter.
Ich stelle mir vor, dass sich jede Person, die im inneren dieses
Patchwork-Würfels befindet, eingehüllt und behütet, gerade wie im
mütterlichen Bauch fühlt, und die Notwendigkeit empfindet, das
eigene Ich mit dem Wir zu verbinden, was symbolisch durch die
tausende Quadrate von der multiethnischen Gesellschaft kommend
repräsentiert wird, wie sie in Moers lebt.
Ein der Künstlerin wohl bekanntes "Wir", die bereits in einem
vorangegangenen Projekt auf einem Laken das Wort in
verschiedenen Sprachen gestickt hat. Rita Lazzaros Werke
betrachtend, kommen mir die Worte zweier Frauen in den Sinn, die
ich hier mal sinnbildliche Mütter nennen will: Anna del Bo Boffino
und Luce Irigaray.
“In besseren Momenten, wenn die Hoffnung nicht in Niederlagen
ertrinkt, schwebt mir eine Welt vor, in der alle lediglich vier,
höchstens jedoch sechs Stunden zu arbeiten haben; Männer wie
Frauen, Junge und Alte, welche allesamt gleichermaßen und von
klein auf in allem ausgebildet wurden ... Wissenschaft und Technik,
im Denken und im Schreiben, im Umgang mit der Erde und ihren
Früchten oder dem Meer, dem Himmel...wo man gleichermaßen
Kopf, Hände und auch sein Herz zu gebrauchen gelernt hat.”
(Zitat von Anna del Bo Boffino).

Ich bin überzeugt davon, dass nur ein Projekt, und zwar
irgendeines, das gemeinsam von Händen, Verstand und Herz
geschaffen wird, auch Absichten und Wissen, Austausch und die
Kultur, Bedürfnis nach Beziehungen nebst einem Gefühl von
Zugehörigkeit zur Welt vermitteln kann.
“Häufig werden Frauen in Ihre Schubladen gesteckt oder auf Ihr
Geschlecht reduziert, insoweit nützlich zur Fortpflanzung und für
die Bedürfnisse der Männer. Es ist wichtig, dass sie sich einen
eigenen äußeren Raum einrichten, wo sie hinein und aus sich
selbst heraus können, um sich als autonome, freie Persönlichkeit
zu entdecken.” Luce Irigaray.
Wer das große Patchwork von außen bewundert, sieht den groben
Anschein der Nähte und hat so eine Ahnung von der langen,
geduldigen Arbeit, der Anstrengung und dem Einsatz; im Inneren
dann erlaubt ein Gefühl von Geborgenheit und Frieden,
innezuhalten, an sich selbst zu denken, an die Menschen, welche
die Kleidung getragen haben, von der die Quadrate stammen, an
die Künstlerin, die eine Hülle genäht hat - ein Haus, in dem
Schlösser keinen Platz haben.
Eine offene Welt, welche symbolisch für jene so wichtige Utopie
einstehen kann, die mit den Worten umschrieben wird: "eine
andere Welt ist möglich".

Antonella Prota - Giurleo

(Künstlerin und Kunstkuratorin )

Samen zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine unendliche Anzahl sind, identisch zueinander,
unendlich teilbar.
Rita Lazzaros Samen werden durch Geist, Intellekt und Vernunft zum Prinzip des Lebens, das über
den physischen Dingen steht. Nichts wird geboren und nichts vergeht, Geburt und Tod sind
Begriffe, die der Mensch konventionell verwendet, um die Bewegung einer kontinuierlichen
Transformation, eines ständigen Werdens zu definieren.
Der Archetyp befindet sich im Inneren des Samens und jeder Samen enthält alle anderen
unendlichen Samen in unterschiedlichen Proportionen. Das bedeutet, dass in dem Samen, aus
dem der Baum entsteht, Eigenschaften stecken, die für das Korn, den Berg, den Fluss, das Tier, den
Menschen, ... bestimmt sind. So gibt es für jede sinnvolle Eigenschaft einen Samen, der die
Individualität der Gattung "alles ist in allem" diversifiziert.
Beim Betrachten der Werke von Lazzaros wird der Gedanke deutlich, der das Schicksal des
Menschen mit dem der Pflanzenwelt verbindet. Wie Pflanzen bestehen auch wir aus
Gefäßgewebe, aus einem Mark, das uns erlaubt, aufrecht zu stehen und in den Himmel zu streben.
Unsere Position ist in der Erde verwurzelt und sehnt sich nach dem Kosmos.
Es ist eine geistige Operation, die der Künstler durchführt: jeder Gedanke ist ein Same, und beide,
wenn sie fruchtbar sind, enthalten in sich selbst ihre eigene Nahrung.
Denken und Talent sind Eigenheiten des Menschen, aber heute sind unsere Gedanken unfähig,
Wurzeln zu schlagen, verloren in der Zeit, im Lärm, der uns umgibt, unfähig, einen fruchtbaren
Boden zu finden, einen Schimmer von Bedeutung, Wahrheit und Fundament.
Um die Zeit zu verstehen, um ihre tiefste Bedeutung zu begreifen, anstatt sie zu interpretieren, ist
es notwendig, das Ego vor allem anderen auszuziehen, sich auszuziehen und zu warten, zu warten
und zu lauschen.
Für den Künstler repräsentiert das Samenkorn die Existenz in der Zeit, das Wurzelnschlagen. Und
Verwurzelung impliziert Wasser, die Quelle des Lebens: Dort, im Wasser des Mutterleibs, beginnt
das Leben eines jeden von uns den Weg des Wachstums. Es ist der Anstoß, uns selbst in dieser
Dualität Mensch-Pflanze zu finden, einer der Schlüssel, um das Schloss der Selbsterkenntnis zu
öffnen, so dass das, was wir kommunizieren, schließlich zu einem fruchtbaren Samen wird, der sich
aus einem im Boden verankerten Spross entwickelt und sich im Universum entfaltet.


Stefania Reitano

(Artist and art history assistant Academy of Fine Arts of Catania)

Her role models are especially the everyday themes that she has
with the result of a very personal and high quality added value.
added value.
Her artistic experience,situated between two-dimensionality and three-dimensionality
three-dimensionality, ready for reflection and analysis at any time, takes
motivation of cultural history and her own life experience.
life experience.
But always in the sense of art.


Tano Brancato

 (Artist and Professor at the Academy of Fine Arts in Catania)